Reiseziele in Allgäu ( Teil 7)

Kempten
Höhe: 646-915 m ü.d.M. Einwohnerzahl: 61600
Die Metropole und größte Stadt des Allgäus, an der Iller in hügeliger Voralpenlandschaft gelegen, ist nicht nur die älteste urkundlich nachgewiesene Stadt in Deutschland, sondern besitzt auch eine sehr angenehme, junge Atmosphäre und eine lebhafte Kulturszene. Berühmt ist vor allem der »Kemptener Jazz-Frühling«.

Kempten in Allgaeu

Kempten gestern und heute Der griechische Geschichtsschreiber Strabo erwähnt 18 n. Chr. den keltischen Ort »Kambodunon« (lat. Cambodunum), was soviel wie »befestigte Siedlung an der Flussbiegung« heißt. Keltische Reste hat man zwar nicht gefunden, wohl aber die einer großen römischen Stadt, die unter Kaiser Tiberius (14-37 n. Chr.) angelegt wurde. Um das Jahr 752 gründeten Mönche aus St. Gallen ein Kloster, das 1213 Reichslehen wurde. Die erstarkende Stadt – 1289 erhielt sie reichsstädtische Privilegien, 1361 wurde sie Freie Reichsstadt – geriet bald in Konflikt mit dem Fürstabt; jahrhundertelang war Kempten durch das spannungsreiche Nebeneinander von Reichsstadt (tieferliegende Altstadt mit Rathaus und St. Mang) und Fürstabtei (um die hochgelegene Residenz mit St.-Lorenz-Basilika) geprägt. 1525 konnte sich die Stadt – die sich 1527 der Reformation anschloss – im »Großen Kauf« vom Stift unabhängig machen. Im Dreißigjährigen Krieg ging das Gemetzel zwischen den Bürgern und den Schweden einerseits und dem Fürstabt und den Kaiserlichen andererseits hin und her, wobei 1632 das Stift zerstört und 1633 ein Drittel der Bevölkerung getötet wurden. Erst 1818 wurden Reichs- und Stiftsstadt vereint, nachdem Kempten 1803 bayerisch geworden war, und noch Anfang des 20. Jh.s heiratete man nicht »hinauf« bzw. »hinunter«. 1898 lief in der Zündholzfabrik der erste Dieselmotor der Welt. Heute ist die kreisfreie Stadt Verkehrdrehscheibe mit dem höchst-gelegenen Verkehrsflugplatz Deutschlands, Industriestandort (Elektrotechnik, Maschinenbau, Papier), Schulzentrum mit einer Fachhochschule sowie Zentrum (mekong kreuzfahrt) der Milchwirtschaft mit Lehr- und Versuchszentrum und der Süddeutschen Butter- und Käsebörse.

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Bürgerstadt
Kern der Freien Reichsstadt und stimmungsvolle gute Stube der Stadt ist der Rathausplatz: Sommers lässt sich in einem der Straßencafes »italienisches« Flair genießen, im Dezember zieht Glühweinduft über den Weihnachtsmarkt. Stattliche Patrizierhäusern umgeben das beherrschende hübsche Rathaus, das 1474 aus einem Kornhaus des 14. Jh.s entstand und um 1565 seine Türmchen erhielt. Nr. 2 ist der Londoner Hof mit prächtiger Rokokofassade (1764); im Alten Zollhaus (Nr. 3) sind gotische Wandmalereien erhalten. Das Neubron- nerhaus (Nr. 5, 1796) beherbergt das Stadtarchiv. In Nr. 10, dem Po- nickauhaus (16./18. Jh.), sind ein prächtiges barockes Treppenhaus und ein ebensolcher Festsaal zu sehen. Die König’schen Häuser in der Kronenstraße (Nr. 29, 31) be¬sitzen eine für Kempten einzigartige barocke Fassadenmalerei. Vom Rathaus führt eine 1903 – als Symbol der Verbindung von Bürger¬und Stiftsstadt angelegte – Freitreppe hinauf zum Schlüssle, einem Patrizierhaus von 1624.
Die um 1430 entstandene evangelische Kirche St. Mang mit ihrem dominierenden 66 m hohem Turm verlor im Bildersturm des Jahres 1533 ihre gotischen Altäre und wurde später mehrmals umgestal¬tet. Bemerkenswert ist der Schnitz¬altar im Chor, der nach Arbeiten Tilrnan Riemenschneiders 1894 für die Weltausstellung in Chicago geschaffen wurde.
Burghalde Stimmungsvolle historische Handwerkerhäuser und Reste der Stadt¬mauer begleiten auf dem Gang durch die Bäckerstraße hinunter zum Illertor. Südlich geht es zur Burghalde hinauf, wo die Römer im 3. Jh. ein Kastell errichteten und von karolingischer Zeit bis 1362 der Vogt des kemptischen Stifts residierte. Freilichtbühne und -kino dort sind beliebte Plätze für sommerliche Veranstaltungen, u. a. das Inter¬nationale Burghaldenfest im Juli und das Burgfest im August.
Jenseits der Iller, auf dem Lindenberg, sind im Archäologischen Park Cambodunum (APC) die Reste und rekonstruierten Bauten der römischen Stadt zu bewundern. Aufgrund der großen öffentlichen Ge¬bäude gilt Cambodunum als erste Hauptstadt der römischen Provinz Rätien. Zu sehen sind u. a. der keltisch-römische Tempelbezirk, die Große und die Kleine Therme und das Forum mit der Basilika, dem © größten Versammlungsbau der Stadt. Geöffnet Mai-Okt. Di.-So. 10.00 bis 17.00, sonst bis 16.30 Uhr, Mitte Dez. bis Mitte März geschlossen; das Forum ist frei zugänglich.

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Stiftsstadt
Die politische und wirtschaftliche Macht der Kemptener Fürstäbte wird in der Residenz sichtbar. Baubeginn war kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg, als das bisherige Kloster zerstört und von den 6000 Einwohnern der Stadt im Jahr 1618 kaum mehr 1000 übrig waren. Es entstand eine etwa 145 X 80 m große Anlage mit dem Klosterbau im Osten und Residenzbau im Westen, jeweils annähernd quadratisch; vor die Residenz ist die Basilika gestellt. Diese Konzep- tion wurde bestimmend für die süddeutsche Stiftsarchitektur, wie
sie u. a. in Obermarchtal zu sehen ist und 100 Jahre später in Otto- beuren (►Memmingen) vollendet wurde. Baumeister war ab 1651 der Vorarlberger Michael Beer, ab 1654 der Graubündner Johann Serro. 1664 standen alle vier Flügel. Ihre atemberaubend reiche Aus-stattung in französischem Rokoko erhielten die Privat- und Repräsentationsräume 1733-1742, inspiriert durch die etwa gleichzeitigen Prunkräume von Francois Cuvillies in der Münchner Residenz. Den Stuck schufen Künstler aus dem Wessobrunner Kreis – Johann Schütz, A. und J. Bader, A. Rauch, Johann Georg Üblher -, die quali¬tätvollen Wand- und Deckengemälde stammen großenteils von Franz Georg Hermann, der u. a. auch Maria Steinbach (►Memmingen) und St. Mang in ► Füssen gestaltete. Heute wird die Residenz von Justizbehörden genützt. Führungen durch die Prunkräume April bis ©
Sept. Di.-So. 9.00-16.00, Okt. ab 10.00 Uhr; Nov., Jan.-März Sa.
10.00- 16.00 Uhr; im Dezember gelten Sonderzeiten. Zu beachten ist auch das große Wandgemälde (1991) im Eingangsbereich: Der aus Memmingen stammende Grafiker und Architekt Josef Löflath illus¬trierte mit teils drastischen Darstellungen die Geschichte des Stifts.
Die Stiftskirche, die den 1632 zerstörten romanischen Bau ersetzte (Bauzeit 1652- 1670), gilt als Hauptkirche des Allgäus und wurde 1969 in den Rang einer »Basilica Minor« erhoben. Michael Beer und Johann Serro lieferten auch für sie die Pläne. Beers Grundriss vereint ein Langhaus im Vorarlberger Münsterschema und einen oktogona- len Zentralraum als Chor: eine ungewöhnliche Anlage, da Gemein¬de- und Mönchskirchc unter einem Dach vereint werden sollten.
Der Bau mit 65 m hohen Fassadentürmen, mächtigem Oktogon und seitlich vor das Langhaus gestellten Kapellen lässt noch italienische Renaissance bzw. Frühbarock erkennen: Das Oktogon folgt dem Dom in Pavia, das Langhaus S. Maurizio in Mailand, die Schallarka¬den der Türme Sebastiano Serlio, die dreiteiligen Emporenöffnungen Andrea Palladio (bemerkenswert ist auch die Ähnlichkeit mit der Kathedrale auf dem Wawel in Krakau). Auch das feierlich-ernste Innere – seit der Restaurierung 1994 im originalen Bild – steht zwischen den Stilen. Der feine vergoldete Stuck des Graubündners Johann Zuccalli folgt der italienischen Spätrenaissance. Die Deckenfresken, die um das Thema der »Lobpreisung Gottes« kreisen, schuf um 1670 der Konstanzer Andreas Asper. Die eindrucksvollsten Teile der Kirche sind das 42 m hohe Choroktogon mit seiner ausgeklügelten Lichtführung und das Chorgestühl mit hervorragenden, seltenen Scagliola-Intarsien von Barbara Hackl (um 1670; Scagliola ist polier¬ter farbiger Stuckmarmor). Besonders bemerkenswert sind auch die beiden eleganten Rokoko-Seitenaltäre vor dem Chor von J. G. Übl- her (1750), der kreuztragende Christus unter der Kanzel (Jörg Lede-rer zugeschrieben, um 1530) und das gotische »Astkreuz« unter der Westempore (um 1350). Der »Ablösaltar« im Chor links ist der ein¬zige aus der Entstehungszeit der Kirche.
Das schöne Zumsteinhaus am Residenzplatz ließ sich die aus Savoyen stammende Familie de la Pierre – eben »Zumstein« – 1802 erbauen. Zwei hervorragende Museen sind hier ansässig. Das Römische Mu¬seum informiert anschaulich über die römischen Ursprünge Kemp¬tens, das Naturkundemuseum über Geologie und Biologie des All¬gäus und der Alpen (beide geöffnet April-Okt. Do., So. 10.00 bis 12.00, 14.00- 16.00 Uhr). Gegenüber der Stiftskirche steht das mäch¬tige Kornhaus (um 1700), hier führt das Allgäu-Museum durch die Geschichte Kemptens und des Allgäus seit dem frühen Mittelalter (geöffnet Di.-So. 10.00-16.00 Uhr). Im Marstall (um 1730), in dem die Pferde und Kutschen der Fürstäbte standen, ist der »Lebens¬raum Alpen« das Thema: Das Alpinmuseum beleuchtet dessen Ge¬schichte von der Erschließung bis zum heutigen Tourismus, die Al¬penländische Galerie zeigt hervorragende Werke aus der Spätgotik (beide geöffnet Di.-So. 10.00-16.00 Uhr). Die Orangerie (1780) am Nordrand des Hofgartens ist heute Heimat der Stadtbibliothek.

Umgebung von Kempten
Der sehr schön vor der Kulisse der Alpen gelegene Ort 10 km west¬lich von Kempten besitzt die ungewöhnliche Kirche St. Pankratius: J. G. Specht, der Architekt der Klosterkirche Ulm-Wiblingen, erweiterte 1770/1771 die Reste eines spätgotischen Baues um ein Rokoko- Langhaus zum Grundriss eines griechischen Kreuzes. Die prachtvol- len Deckenfresken gelten als bedeutendste Arbeit von Franz Joseph Hermann (1772), dem Sohn des Kemptener Hofmalers Franz Georg Hermann. Im Informationszentrum der 850-1077 m hoch liegen- den Landgemeinde ist auch das Heimatmuseum untergebracht. In der Biokäserei (Kempter Str. 9) kann man beim Käsemachen Zu¬sehen. Der Golfplatz Waldegg-Wiggensbach ist der höchstgelegene Deutschlands (1011 m; www.golf-wiggensbach.com).
Vom 1072 m hohen Blender südlich von Wiggensbach – insbesonde- re seinem unbewaldeten Südwestteil, dem Rauhenstein (mit riesigem Fernmeldeturm) – hat man eine grandiose Aussicht bis zur Zugspitze und zum Säntis. Eine schöne Wanderung, teils auf dem ca. 30 km langen »Allgäuer Käsweg« (Info beim Verkehrsamt Wiggensbach), durch die Bilderbuchszenerie mit Weilern und Einödhöfen ist folgen¬de Runde von Wiggensbach aus: Ermengerst – Wagenbühl – Masers – Rauhenstein / Blender – Holdenried – Wiggensbach (ca. 3 Std.).
Die schlichte Kirche St. Nikolaus in Wirlings (zwischen Buchenberg und Waltenhofen) überrascht innen mit reizvollem geometrischem Stuck (beeinflusst von der Kemptener Residenz, um 1680) und her¬vorragender Ausstattung: v. a. Hochaltar mit lebensgroßen Figuren von den Kemptener Brüdern F. F. und H. L. Ertinger; im rechten Seitenaltar das Ursulaschiff, eine Schnitzgruppe vom Meister des Im¬berger Altars (um 1470), dem auch das Relief »Gefangennahme Christi« im linken Seitenaltar zugeschrieben wird.
In der stattlichen Marktgemeinde 15 km nordwestlich von Kempten (722 m, 10 000 Einw.) finden seit 1879 alle 3-4 Jahre im Sommer die Allgäuer Freilichtspiele statt; für 2009 ist die Aufführung von »Andreas Hofer« – zum ersten Mal 1911 gespielt – geplant. Auch in anderen Jahren gibt es in dem architektonisch ganz hervorragenden Theaterbau (1999) ein vielfältiges Programm (►S. 99). Einen Besuch wert sind auch das Käsemuseum und die Kirche St. Blasius und Ale¬xander (1681) mit Wessobrunner Stuck von 1728.
Ein im Allgäu unerwartetes Bild bietet sich östlich und nördlich von Altusried: In vielen Windungen hat sich die Iller mit bis zu 60 m hohen Felswänden in die fossilreichen Sand- und Mergelschichten der Oberen Süßwassermolasse eingegraben. Die eindrucksvolle Land¬schaft ist mit Wanderwegen erschlossen. Eine empfehlenswerte Wanderung von Altusried aus (ca. 2.30 Std.): nördlich über Hörgers nach Fischers, dann westlich zur Burgruine Kalden; weiter in Richtung Betzers hinunter zur Iller mit den Resten der mittelalterlichen Kno¬chenstampfmühle. Dann hinauf nach Betzers und südlich über Stro¬bels zurück nach Altusried. Die im Jahr 2007 eröffnete Fußgänger- Hängebrücke Fischers – Pfosen macht die Ausweitung der Runde zur Ostseite der Iller möglich. Der Bootsverleih in Fischers soll bei ent¬sprechender Nachfrage wieder reaktiviert werden.Südöstlich von Kempten dehnt sich der Kempter Wald aus, ein mit Mooren und Nasswiesen durchsetzter Fichtenwald in einer Höhe von 800 bis 940 m ü. d.M. Obwohl seit Hunderten von Jahren wirtschaftlich genützt, bezaubert er mit einer – je nach Fantasie – ro¬mantischen bis unheimlichen Urwaldatmosphäre. In die Sagen, die sich um den Wald ranken, gingen auch die vielen eiszeitlichen Find¬linge ein, die in dem Waldgebiet verstreut liegen; besonders beein-druckend der Dengelstein (Denkelstein) nahe Betzenried, der größte Findling, und derjenige, auf dem die Burg Baltenstein stand. Auf den Forstwegen lässt sich der Kempter Wald zu Fuß und per Fahrrad durchstreifen. Eine größere Runde mit dem Rad (25 km, ca. 2.30 Std): Von Betzigau nach Osten – mit Abstecher nach Baltenstein – über Jägerhaus und Kempter-Wald-Kapelle bis zur Abzweigung nach Görisried, dort südlich am Naturschutzgebiet »Teufelsküche« ent¬lang, auf der Kreisstraße nach Bodelsberg; dann durchs Sinkmoos zur beliebten Waldwirtschaft To¬bias, über Schönberg nach Betzenried und schließlich hinunter nach Betzigau. Vom Tobias oder von Bodelsberg aus lässt sich der schöne Rundweg Sinkmoos-Tobias (z. T. identisch mit dem Oberallgäuer Rund-wanderweg) in Angriff nehmen (ca. 2.15 Std.). Wer durch den unteren Teil des tief eingeschnittenen Durach-Tobels südöstlich von Durach wandert, sollte in der malerisch gelegenen, gemütlichen Waldschenke einkeh- Bei Sulzberg (712 m, 4600 Einw.) 8 km südlich von Kempten lohnt ^ die Ruine der größten Burg des Allgäus einen Besuch, errichtet im sulzberg 12. Jh. von den Herren von Sulzberg. Im Bergfried ist ein Museum eingerichtet, seine Terrasse bietet einen herrlichen Ausblick über das Oberallgäu. In der näheren und weiteren Umgebung locken reizvolle Seen, v. a. Öschlesee, Rottachsee (Foto ►S. 35) und Niedersonthofe- ner See (Foto ►S. 86), alle mit Badeplätzen.

Baedeker TIPP
Mehlblock-Alpe
Für eine Allgäuer Alpe muss man nicht in die Berge (kambodscha vietnam laos) gehen. Im Kempter Wald, nahe dem Mehlblockmoos nordwestlich von Görisried, öffnen sich weite Weiden, auf der die »Schum- pen« (Jungrinder) grasen. In der urigen Hütte macht man herzhaft Brotzeit, müde Wanderer und Radler können im Lager nächtigen. Bewirt¬schaftet vom späten Frühjahr bis in den Herbst. Ein Telefon gibt’s nicht.

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